Norbert hat uns eine sehr persönliche Sicht auf die Sahara vermittelt – er hat Sinn darin gefunden, wieder und wieder dort hin zu reisen und zu lernen, wie man unter widrigen Bedingungen leben und überleben kann. Er hatte viele Bilder dabei, für Leo versteinerte Saurierzähne in der Tasche, und viele kleine Geschichten über Freundschaft, Vernetzung und Zusammenhalt, und etliche lustige Anekdoten für uns. Es war ein Salon „wie früher“, sehr privat und sehr persönlich. Und deshalb haben wir auch alle danach den Küchentisch mal wieder zum Lagerfeuer gemacht, wo es mit den Geschichten natürlich weiter ging!
Leben in einer verwüsteten Sitaution, unter widrigsten Bedingungen, das müssen gerade sehr viele ganz gegen ihren Willen lernen. 2014 hieß es in einer Saloneinladung: „Wir können nicht fassen, aber „nachvollziehen“, wie solche Kriege entstehen, doch wer bringt uns bei, wie man Frieden erschafft und hält?“ Waren wir wirklich einfältig, „sentimentalpazifistisch“? Oder waren die Fehler des Westens nicht eher Arroganz, falsche Versprechungen und Eigeninteressen – im Verein mit befremdlicher Toleranz gegenüber Unsäglichkeiten, wo das von Nutzen schien? Ich bin schockiert über den unfassbaren Überfall auf die Ukraine, aber auch über den rasanten Schwenk in Sachen Friedenssicherung und die Dynamik der neuen „Entschlossenheit“, die Abgeordnete angesichts der Freischaltung von Militärausgaben in Milliardenhöhe aufstehen und klatschen lässt statt dass sie erst mal nachdenklich schweigen. So verbrecherisch ich diesen Krieg finde, so beklemmend und mir unheimlich ist das.
Wir können uns keine weitere Eskalation leisten – und es wäre schön, wenn wir verhindern könnten, dass wir uns darüber so entzweien, dass Menschen genau wie in Moskau ihre – auch problematischen - Meinungen nicht mehr äußern. An meinem Küchentisch saßen am Wochenende Ukrainer, die mich fragten, ob Hitler nicht doch ein guter Mann war, so wie sie es in der Schule gelernt hatten. Andere fragen sowas über Saddam Hussein oder Putin. An meinem Küchentisch soll das gefragt werden dürfen – und nach bestem Wissen und Gewissen aufgeklärt. Ich weiß auch das meiste nicht – und nur manchmal, wer lügt. Dass die Münchner ihren Dirigenten entlassen haben, mag noch angehen, weil er einen Staatsbetrieb repräsentiert. Andererseits war bekannt, wo er politisch steht. Vielleicht hätte man ihn, statt ihn zu einer Positionierung zu nötigen, bitten können, ein Konzert im Gedenken an die Opfer dieses Krieges zu machen. An alle Opfer. Ich zumindest möchte im Moment genau so wenig eine russische wie eine ukrainische Mutter sein.
Musik stiftet Sinn. Morag Grant hat uns im Salon vermittelt, dass der Satz „Böse Menschen haben keine Lieder“ ein Gerücht ist – Lieder haben sie sehr wohl. Doch an dem Abend über seine „Lebensfäden“ hat uns der verstorbene Politologe Ekkehart Krippendorff von jenem Konzert in den U.S.A. während der Kubakrise berichtet, das nach seiner festen Auffassung einen Krieg verhindert hat. Weil es etwas Gemeinsames gab, das dort sichtbar und als verteidigenswert erkannt wurde: Humanität, Kultur, Welterbe. Kultur ist friedenswichtig, weil sie verbindet. Es war wohl russiche Musik, in dem Fall.
Ich hoffe sehr, dass Bach das für uns leistet: Dass er uns verbindet und wir uns mit seiner Musik für einen Moment lösen können von den derzeitigen Schrecken, ohne den Bezug zu verlieren – mit Sinn.